Bora Weber
Bora Weber

Geschichten aus dem Leben, Kapitel St.Gallen No.1

Zur Zeit versuche ich etwas weniger zu planen, einfach zu leben. Dabei entdecke ich so viel schönes, immer und immer wieder. Am Samstag waren wir früh auf, ich und mein Freund, da er nach Zürich musste. Er wohnt auf der einen Seite der Stadt, ich auf der anderen. Dazwischen findet das Stadtleben statt, wie an jeden Samstag zum Beispiel der Wochenmarkt. Ich verabschiedete mich vom Freund, er ging auf den Zug und ich an den Gemüseständen vorbei. Ich brauch grad nichts, weil ich am Nachmittag eh auch in Zürich bin. Viele Leute sind unterwegs und kaufen frische Sachen, doch das bunte Treiben hört auch beim Kloster nicht auf, denn es ist Flohmarkt. „Toll, ich hab ja Zeit“, denk ich mir und steure auf den Ersten Stand zu. Ziemlich bald entdecke ich eine Jeansjacke, kurz geschnitten mit breiten Ärmeln, genau, wie ich sie schon lange will. Die italienische Dame vom Stand meint: „Die kannst du haben für fünf Franken! Ok?“ – „Echt? Mehr als ok.“, strahle ich zurück und mein noch: „Dann behalte ich sie gleich an.“ Fünf Franken, ich schüttle ungläubig den Kopf und lache darüber was für ein Glück ich mal wieder hab. Vor zwei drei Wochen hatte ich ein kleines 60er Jahre Pflanzentischchen einfach geschenkt gekriegt, weils geleimt werden musste.

Ich schlendre weiter, diesmal mag ich mir jeden einzelnen Stand anschauen, vielleicht find ich ja noch was anderes tolles. Der Preis ist nämlich nicht die Hauptursache für mein Strahlen, viel eher das Finden von perfekten Sachen. Und da entdecke ich plötzlich sie, die terrakottafarbene Sitzschale eines Sidechairs von Ray & Chales Eames. Ich traute meinen Augen kaum, als ich den Preis sah. Lächerliche sechzig Franken und der Zustand war auf den ersten Blick hervorragend. Ich machte unauffällig ein Bild, schickte es meinem Freund, der weiss, wie sehr ich mir solch einen Stuhl wünsche, und machte mich sofort auf zum Bankomat. Postwendend kam der Anruf: „Whuuuat? Wo hast du denn den gesehen? Auf dem Flohmi? Den nimmst du oder? Hast ihn reserviert?“ – „Neiiin, aber bin grad am Geld holen, der wird jetzt nicht gleich weg sein?!“ Ich war noch voll im „geniess das Leben und nimm alles wies kommt“-Modus, doch beim Bankomat packte mich plötzlich die Panik, dass das doch jeder blickt und sofort kauft. Sechzig Franken, ein Witz. „Los, los, los!!“ Ich steuerte nervös zurück, zielstrebig, und dennoch erst falsch. Doch zu meiner Beruhigung sah ich die Schale von Weitem. „Die hätt‘ ich gern!“, sagte ich breit grinsend zu dem lässigen jungen Papa hinterm Stand. „Ist aber für eine wide-base, gell?!“ – „Heisst? Für diese Konferenzstuhlbeine?“ – „Ich hatte den auf Ricardo ersteigert und gedacht ich mach ein Schnäppchen, leider war das da nicht deklariert. Nein, nicht die Konferenzbeine, etwas tiefere, so eher Lounge Chair mässig..“ Ich wolle es nochmal schnell mit meinem Freund besprechen, Zeug kaufen was dann nicht funktioniere wolle ich nicht. „Klar“, meinte er „ich komm dir auch gerne noch entgegen.“ Hab ich das richtig gehört? Mein Freund, wie immer positiv: „Nimm ihn, wenn er dir noch entgegen kommt sowieso. Wir finden bestimmt eine Lösung! Bauen wir halt was um..“

Zurück am Stand frage ich den Papa was er denn dafür will. „Vierzig, weiter runter kann ich nicht, dann kannst du ne Base suchen.“ – „Ich nimm ihn!“ Stolz, aber dennoch ungewiss trug ich die Schale heim. Ich hatte Angst, sie würde jetzt Jahrelang irgendwo rum liegen und warten bis ich ne Lösung hab. Doch das Leben meint es gut mit mir. Ich postete meine beiden Schnäppchen in einer Story auf Instagram und es hagelte Kommentare. Einer davon von einem ehemaligen Tinderdate aus Zürich. Er sammelt solche Stühle und wollte alles wissen. Ich erzählte ihm kurz die Geschichte, zeigte ihm den Stempel auf der Unterseite und erhielt schneller Infos als von Google. Zenith wäre der Erste Hersteller der Schalen gewesen, also sei der Stuhl voll alt,  50er-Jahre. Aber das Beste, er hatte noch zwei Bases bei sich rumstehen mit Holzbeinen, wie ich sie immer wollte. Die wären umgebaut, wenn ich wolle könne ich eine oder beide haben. „Echt?? Ich bin Heute sowieso noch in Wiedikon, kann ich sie gleich holen?“ – „Ich hab Nachtdienst, bin da!“ Ab diesem Punkt war ich, das wohl glücklichste Mädchen an dem Tag! Keiner konnte mir jetzt noch die Laune trüben, nicht mal das grässliche Sushi vom Coop. Innerhalb eines Tages, einen sehr alten, gut erhaltenen Eames Sidechair zu ergattern hätte ich mir nicht erträumt. In den Tag leben, Tinder und Instagram sind eben doch nicht so blöd.

 

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